Sonette

I 

Ach, wär das Schreiben uns nur etwas heilig,
Uns Dichtern wäre dann so viel gewonnen!
Ich wüsste dann, der Herr, der Hirte weiht mich
Und gäbe mir das Wort, dass er ersonnen.

Von jeder Ecke strömten die Gedanken,
Umschwebten uns wie Federn fallend seicht.
Das Dichten wäre uns dann gar so leicht,
Dass ich ihm wollte heiter betend danken!

Ach gäb es da im Himmel nur nen Gott,
Der meiner Klage sich bemächt'gen kann
Und auch in dunkler Stunde um uns schmiegt.

Ein ewig tröstender Gedanke. Spott
den Mördern Gotts, durch welche er verschwand
Und seh ich noch wie letztes Licht verfliegt.

II

Wo bist du, wenn du nicht bei mir bist?
Was denkst du dann, oh welch Gedanken
Verlassen dich, spürst du mich schwanken
In Angst, dass du mich wieder vergisst?

Auf fernem Felsen sehne ich,
Die Wellen peitschen, Winde wehen
Und ich, ich rufe schmerzend dich,
Ach, kannst du mich noch überhaupt sehen?

Ich dachte, seh ich dich nur immer,
Dann heilt sich von allein der Riss,
Der tief in meinem Herzen zerrt.

Oh, leidvoll Leben voller Kummer,
Wie Gift füllt mich dein süßer Biss,
Es reißt mich, küsst mich, süßer Schmerz.

III - Sonett vom Leid

Wo du auch läufst und gehst, siehst du nur Schmerz,
Der dich so sorgsam treibt und führt abwärts.
Dein ganzes Leben nährst du dich davon,
Von diesen düstrem Stoff aus blankem Hohn.

Da sitzt du wieder in Gedanken grübelnd,
Der Sog der niemals endend lauten Stimmen,
Sie Singen dir des großen Nihils Hymnen,
Die dir das große, schöne Sein vertrüben.

Wer führt dich da noch liebevoll zu sich?
Wer gibt den Sinn der Weltenordnung wieder?
Kein Gott erhebt sich aus dem Grab für dich!

Die Welt, sie richtet sich nun endlich nieder,
Die neuen Götter haben es geschafft!
Seht's ein, sie ist genau für uns gemacht.

IV

Es liegt so leicht der dunkle Mantel um mich,
Er hütet mich, nur Gott, er weiß wovor.
Doch bald schon weicht die Nacht, das Licht durchbricht,
Verschwimmt im Tag, der Morgen kommt hervor. 

Die Sonne schwatzt, die Welt erwacht erneut,
Es blendet mich ihr Licht, sie führt mich fort,
Ich bleibe fern, ich hüte jedes Wort
Und warte auf der Sterne ihr Geläut.

Denn langsam geht die Sonne wieder unter,
Befüllt die Träume, färbt die Sehnsucht bunter,
Und Mondschein glüht, vollbringt tollkühne Wunder

Und ich, ich schwimme, fliegend, froh im Fluss
Da geht von mir ganz still all mein Verdruss,
Der ich mit dir alleine bin, Genuss.

V 

Wie viele du auch kennst, am Ende bist du alleine,
Mit noch so vielen kannst du reden, sie Freunde nennen
Und doch, du wirst selbst dann allein sein auf deiner Reise,
Denn weder Freund, noch Bekannte lernst du wirklich kennen

Das Ich ist tief in in seiner eign'nen Seele gefangen,
Wo weder Licht noch Schönheit seinen Weg hin findet.
Mag manchmal auch der Duft von Fremde zu uns gelangen,
Dann nur ganz kurz, eh es im Dunkel wieder verschwindet.

Der Mensch ist selbst gefangener seiner eigenen Selbst
Und tristet seine Tage im Schein vertrauter Nähe,
Die sich entlarvt als Schein im kalten Schattenspiel.

Die Welt ist wüst und leer und wie einst Lucifer fiel,
So kommt es, dass ein jeder stets hinunterfällt
Und gäb es eine Hand, sie finge uns nur träge.

VI
(ad Gryphius)

Was mag ich noch erträum'n, was mir die Ruhe gibt?
Wo mag ich noch verweil'n, wo keine Träne liegt?
Wie soll es weiter geh'n, da ich nicht weiter kann?
Ach, schaut nicht, Engel, her, mir ist doch schon so Bang. 

In meinem Geist da liegt ein Grab für mich bereit,
Ich hoffe, dass es mir die Ewigkeit erteilt
Und heulte um so mehr, dass ich so denken muss,
Noch mehr, dann tränkte ich die Welt in meinem Fluss.

Das Leben ist so groß an Leid, an Schmerz, an Tod.
Ein jeder der es will, wird sich dem wohl bewusst,
Dass auf der Erde längst die Höllentore sind.

Und unser aller Weg wird mit dem Tod belohnt,
Denn Gott ist gut und groß, das Leben kein Verlust,
Denn schönes kommt danach, wenn uns das Sein verinnt.

VII - Der Tod und das Mädchen

Es sprach der alte Tod zum Mädchen,
Das friedlich noch am Wasser saß
Und vor sich hin ganz lieblich las
Von Helden, Liebe, fernen Städtchen:

"Ach weine nicht, mein mut'ges Kind,
Doch Chronos Sand fiel dir zu Erden,
Da dir dein Licht verfloss im Wind
Der Zeit. Nun komm ich um zu ernten."

"Oh, weiche, du kaltes Gerippe, mir,
Noch bin ich zu jung, ich darf noch nicht sterben!"
Nach hinten floh sie, sah es nicht ...

Wie sie da fiel in ihr Verderben.
Ihr war so kalt, ihr schwand die Sicht:
"Ich bin bereit, ich folge dir."

VIII - Die drei Schwestern

"Oh Schwestern, sagt, wann treffen wir uns wieder?"
Bei Regen, Sturm, Gewitter, wenn es nachtet?"
"Wenn Nichts die Welt umgreift und Gott geschlachtet,"
"Wenn Flieder welkt, wenn Herzen brennen nieder."

"Die da noch Freude spür'n, die werden weinen,"
"Die Tränen werden Sintflut, steigen auf
Zum Himmel - hoch hinauf wird es sie treiben."
"Und dürre Flüsse führen rot statt blau."

"So ist's beschlossen, Schwestern, lasst nun geh'n,
Die Kirchenglocken künd'gen uns're Stund."
"Von Neuem soll'n die Raben lachend fliegen
Und unser Herr wird freudig zu uns seh'n."

"Schon bald, da alles Sande liegt am Grund,
Wird Glut die Welt ersticken, wenn wir siegen." 

IX - Die Nymphen im Fluss

Ihr Nymphen, sagt, was ruft ihr mich,
Reicht euch der Tanz des Flusses nicht
Und richtet euer Haupt sich jetzt
Zu mir, der eurer Schönheit lechzt

Das wilde Haar, es steht euch gut
Und was verlier ich mich voll Glut
In euren tiefen, blauen Augen,
Ach, lass mich, Welt, zu ihnen tauchen.

Mich treibt es zu euch, glühend Herz,
Wie Kranke sich mit brennend Schmerz
Nach ihrem stillend Heile sehnen.

Das kalte Wasser schließt mich ein
In seiner holden Wesen Reih'n,
Ich bin bei euch, erloschen Leben.

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