Das Buch der Psalme Nihils

Vorwort

Da meinte einer mal zu mir,
Mein Werk sei düstrer als das von
Den großen Priestern all des Nichts.

Ich wehrte mich und zeigte hier,
Dass ich nichts anderes ersonn,
Als wie es ist, im düstren Licht.

Die Psalme sind nichts Anderes,
Als ich vernahm der Menschen Klagen,
Die allesamt schon längst am Sterben.

Ich schrieb sie nieder unterdes,
Da allen Traum ich hörte sagen:
"Es hat begonnen, das Verderben."

Psalm I

Von überall erhallt das Wort:
Der letzte Gott ist fortgegangen.
    Aus seiner Asche
    Stieg empor
    Das große Alles,
    Nihil.

So wie er kam, verhüllte sich
Die ganze Welt in seiner Pracht
    Der Schein verging,
    Der Himmel schwand
    Der Ewigkeit
    Nihils.

Oh großer Nihil, höre uns,
Dich wollen wir zum Gotte krönen:
    Denn deine Macht
    Hat uns befreit,
    Wir danken dir,
    Nihil.

Psalm II

Warum beten die Heiden und glauben die Völker
Immer noch an die alten Götter? An Gott?
Die Gesalbten wähnen sich im Recht und
Verabreden sich gegen den großen Nihil.
Doch Nihil lacht und spottet sie:
"Lasst sie in ihrem Glauben irren,
Lasst sie mein Reich im Tod erblicken!"
Es fürchtigen alle sich, die sein Schrecken
Erblicken, die seinen Zorn verspüren.
Seid nun gewarnt, ihr Richter, ihr Könige,
Erblickt die große, einzige Wahrheit:
Dient ihr Nihil einzig allein!
Geht im Wege des einzigen Gottes
Und das Lebens Freude sei euch
Enthüllt - geehrt seist du, oh Nihil!

Psalm III

Bedenkt ihr Gläubigen,
Wie viele sind durch euren Gott gestorben,
Da euer Flehen niemand hat gehört!
Denn kein Gott weilt im großen All.

Das All ist groß, unendlich weit,
Ein Raum geleert voll Einsamkeit,
So kalt und leer und ohne Trost,
Wie könnte dort eure Götter leben?

Nihil hat es stets gesehen,
Er hat die alten Götter getötet,
Denn Götter fürchten auch das Nichts
Und all das Nichts ist Nihils Reich.

Doch ihr Menschen fürchtet nicht,
Denn Nihil hat euch Freiheit geschenkt,
Nihil zerstörte die falschen Fesseln:
Der Mensch ist frei - in Nihils Reich.

Psalm IV

Oh hoher Nihil,
Geheiligt sei all dein!
Aus der Asche alter Ordnungen
Geboren, du
Nihil!
Über die alten Götter siegtest
Du,
Einen nach den anderen
Schicktest du in dein Reich.
Du, groß wie du bist,
Herrschst über das Alles!
Wir beten zu dir,
Der du nicht in
Himmelsschlössern
Weilt.
Du
Bist unter uns,
Um uns,
Bei uns.
Nihil, du
All-
Großer!

Höre uns, führe uns
Zu dir!
Ins Reich des
Nichts!

Psalm V

Vernimm, oh Nihil, meine Worte,
Achte du auf meine Seufzer!
Höre auf die Stimmen meines
    Schreiens.
Höre auf den Rhythmus meines
    Leidens.
Durchdringe dein Reich
Mein Flehen!
Denn alles in dir macht Sinn,
Denn alles in dir folgt Regeln.
Ist darin nicht etwas Befriedigendes?
Denn dein ist das Reich und die
Herrlichkeit
Im Vergänglichem,
Nihil.

Psalm VI

Kein Schild verteidigt euch,
Denn was soll euch verteidigen,
Wo nie doch etwas war?

Wie lange geißelt ihr euch,
Könnt ihr in der weite
Nicht die Freiheit sehn?

Welchen Sinn hat eure
Auch so große Moral,
Wenn sie euch nie genutzt hat?

Wie viele gute Menschen
Sind dennoch schließlich gestorben
Und lebten diese noch:

Sie würden das Ausmaß ihrer
Naivität erfahren
In ewigen Himmelsqualen.
 
   - So Nihil sprach.

Psalm VII

Die weite Leere
Strahlt sehr tief.

In alle Welten,
In jeden Menschen,
Jedes Teilchen
Deines sterblichen
Körpers fällt
Das große Nichts,
Du, oh Nihil.

Psalm VIII

Oh Nihil, oh Herrscher der neuen Welt.

    Deine Kraft durchschwebt uns alle.
    Deine Größe gibt uns halt.
    Deine Güte hüllt uns ein.
    Deine Wut bestraft die Gläubigen.

Oh Nihil, oh Herrscher der neuen Welt.

    Fürchten dich die Götter nicht?
    Strahlst du nicht auf ihren Gräbern?
    Hast du nicht die Zeit besiegt?
    Herrschst du nun nicht über alles?

Oh Nihil, oh Herrscher der neuen Welt.
Den Sündenden

    Straft dein Reich des weiten Nichts!
    Ängstig deine leere Welt!
    Rettet nicht der Tod ihr Elend!
    Quält die Suche nach dem Sinn!

Oh Nihil, oh Herrscher der neuen Welt.

Psalm IX

Es sprach der Mensch:

Das Licht, es blendet mich so sehr,
Es führt auf falsche Wege mich.

Wer war denn einmal nicht ein Kind
Und hat die Wörtchen ihm gesandt?

Wie oft schon saß ich einfach dort
Und hab geschaut zum Himmel hoch.

Und keine Seele gab mir Antwort
Auf alle Fragen, die ich hatte.

Erst jetzt verstehe ich all das
Und kann behaupten, was zu wissen.

Denn Nihil, du hast mich geführt
Zum Tempel aller Wahrheiten.

Nicht liegt was wahr im absoluten,
Allein Erfahrung macht die Welt.

Oh Nihil, du allgroßer Gott,
Auf ewig sei ich dir ergeben.

So sprach der Mensch.

Psalm X

Tausend Kreise kreisen im Himmel,
Durchzogen von einer großen Kraft,
Die in der weiten Unendlichkeit
Sich aufbaut zu einem neuen Gesetz,
Eins das wahrhaftig gelten soll,
Keins das Ewigkeiten gelten will,
Denn nichts ist Teil des Ewigen,
Außer das weite Nichts auf Erden,
Deine Herrlichkeit, oh Nihil.
    Wie oft schon erblicke ich das All
Und seh das kleinste Geheimnis in ihm
Nichts gibt es mehr, dass nicht gefunden
Werden kann, denn alles kann
Erfahren werden, dank dir, oh Nihil.
Denn dein ist das All und das Nicht, oh Nihil.
Kein Gott, kein Prediger soll mehr lenken
Des Menschens Augen vom großen All
Ins Herz hinein und in die Seele.
Oh großer Nihil, oh großer Gott.

Psalm XI

Ich sah das Nichts im weiten All,
Ich habe dich gesehen, Nihil,
Dein Reich erblühte zauberhaft
Wie eine Wiese voller Blumen,
Die keinen Winter schon erlebten.
Ich sah an diesem Punkte alles,
Ich habe, Nihil, alles verstanden,
Gesehen und fühlte mich geborgen.
Denn dort wo nicht ein Wort uns plagt,
Dort kann uns nicht ein einziger
Gedanke schmerzen, oh Nihil,
Ich sah das Nichts im weiten All
Und blühte und wuchs zu neuer Größe.

Psalm XII

Lobt Nihil,
Der Prometheus gleich
Dem Menschen die neue
Flamme gab,
Den Menschen befreite,
Nach seinem Bilde
Hat geformt
Und uns die Erde
Hat gegeben zum
Eigentum
Und uns gezeigt hat,
Dass es nichts ärmlicher
Gibt als Götter.

Gelobt sei Nihil,
Verehrt und geliebt.

Psalm XIII

Das steinerne Gesetz ist zersprungen zu Stein nur
Und der Stein, er wurde zu Erde wieder.
Kein Gesetz das ewig währt,
Nur Stein und Sand im Gefüge der Zeit.
Denn auch ein ach so hoher Gott
Ist ebenso Kind der hohen Zeit.
Einzig Nichts gilt Ewigkeiten,
Einzig dein Gesetz, oh Nihil, gilt
In allen Ewigkeiten noch.

Psalm XVI

Welcher Mensch hat denn noch nie zu dir geschaut,
Deine Erhabenheit gespürt und dir nicht ein Gebet
Tief in die Seele hinein gesungen? Oh hoher Nihil.
Welches andere Reich durchdringt denn noch das große
All? und welche Götter könnte es da noch geben?
Niemand zweifelt noch, niemand leugnet noch
Deine mächtige Macht, deine hohen Hallen, die
Ewigkeiten unsere sterblichen Seelen nehmen,
Ihnen den Weg zu dir hinweisen werden, oh Nihil.
Welcher Mensch träumt nicht vom Ende aller Dinge,
Fürchtet sich denn nicht zutiefst davor, oh Nihil?
Deine Hallen füllen in uns Herz und Seele,
Stärken uns mit deiner Kraft und führen uns
Friedlich zu dir, oh Nihil, oh ewiger, oh großer Gott.

Psalm XV

Kein Paradies das wartet,
Kein Glück das euch berauscht,
Kein Sinn versteckt sich hier.
Die Weilt ist einzig nur,
Was jeweils ist der Fall.
Hier wohnt nichts Größeres,
Kein guter Geist der lauert.

Ihr Menschen müsst euch lösen,
Dass irgendwer auf euch
Vom Himmel runter schaut
Und euch die Worte gibt,
Die heilsam wirken sollen.

Es weilt im Himmel nichts
Und auch in großer Weite.
Kein Wort das ewig gilt,
Wie kein Gesetz zugleich.
Von Bergen der Erkenntnis
Zu uns Propheten kamen,
Die von dem Nichts erzählten.

Ihr Menschen müsst euch trennen,
Von absoluten Dingen
Und lernen zu vertrauen,
Was die Erfahrung lehrt,
Dass Nihils Reich gekommen.

Vom Himmel tropfte es
Das Blut des letzten Gotts
Und siegreich kam hervor
Die neue Ordnung Nihils.
Ein keiner muss sich mehr
Vor Moralisten fürchten,
Denn Garnichts gilt hier mehr.

Und Menschen ihr müsst wissen,
Dass Götter sich nur nährten
An eurer Misslichkeit.
Drum wendet ihr euch ab,
Vertraut nun einzig Nihil!
 
Psalm XVI
 
Wo ist er hin, der große Gott?
Sprich vom Himmel zu uns nieder!
Zeige dich im Dornbusch wieder!
Lasse uns dich Nahe wähnen!

Nichts und wieder nichts ist da,
Nicht eine Strafe,
Nicht deine Güte,
Nicht einmal du.

Gott ist weg!
Er hat uns verlassen,
Uns dem Verderben geopfert,
Denn Sinn uns zerschlagen,
Die Hoffnung gestohlen
Und uns verraten.

Bleibe nun fort!
Komme nicht wieder!
Lass uns alleine
Vor uns hinsiechen!

Doch leise hört man noch
Die vielen Kinder weinen,
Sie flehen zum Himmel,
Beten zu dir,
Hoffen auf dich,
Betteln dich an und...
Doch,
Da ist niemand, der sie hört.
Kein Ohr, kein Geist, kein Gott.

Und ja,
Auch ich,
Ich bete zu dir,
Nur manche Male,
Ich weiß es ja besser,
Denn all meine Gebete,
Sie schwinden im Nichts,
In Nihils Reich.

Drum Nihil,
Erhöhre du mich!
Leite du mich!
Und führe du micht!

Denn du, du bist der Menschen
Neuer Gott,
Du alleine,
Nihil.

Psalm XVII
 
In den großen Hallen, des großen Palastes,
Da herrschst du, oh hoher, großartiger, Nihil.
Im weiten Nichts, wo die Ewigkeit weilt,
Da beten wir hin, da sind uns're Träume.
Oh Nihil,
Oh Befreier,
Du großer Gott,
Dank sei dir,
Denn du bist noch bei uns,
Du hörst uns noch,
Dich gebt es noch heute und morgen.
Was gestern war,
Das ist vorbei,
Kein alter Gott mehr,
Keine Kirche mehr,
Kein Opfer mehr,
Das dir geschuldet wird.
Wir sind frei,
Frei wie du,
Oh Nihil!

Psalm XVIII


Ich rufe dich, Nihil,
Erhöre mich,
Ich bitte dich, hilf mir
Und heile mich.

Ich bin noch geblendet,
Verirre mich
Und finde nicht zu dir
Und leide noch

Doch spür ich dein Reich,
Die Herrlichkeit
Und bete dir zu
Und will zu dir.

Oh Nihil, erhöre,
Erlöse mich.
Befreie uns Kinder
Und heil uns Amen.

Psalm XIX
 
Nihil, oh Nihil, erhöre uns.
Dein Wille befreie,
Dein Wort soll geschehen.
Ordnung soll kommen,
Chaos soll schwinden.
Dein Reich soll erblühen.
Nihil, oh Nihil, erhöre uns.
Dank dir soll'n wir strahlen,
Die Wahrheit erkennen,
Durch dich soll'n wir leben
Und dein sei uns heilig,
Nur dir woll'n wir dienen,
Nihil. Oh Nihil, erhöre uns.

Psalm XX
 
Was weint ihr noch, was trauert ihr noch?
Der Heiland ist gekommen,
Er kam und hat
Die Welt befreit,
Den Gott besiegt,
Den Mensch gemacht.

Was träumt ihr noch, was glaubt ihr noch?
Es macht doch keinen Sinn,
Die Welt ist leer,
Das All ist kalt,
Der Tod das Ende
Und ohne Sinn.

Ihr müsst nun lachen und euch freuen!
Nihil ist auf Erden,
Er füllt die Welt
In seinen Glanz,
Er füllt den Mensch
Mit neuer Kraft.

Psalm XXI
 
Die Hand, sie fällt und geht so weit hinaus
Und hält das Leben wohlgeborgen fest.
Das Nichts ist groß und weit,
Es birgt das Sein in sich.
Und Nihil richtet schon den Kopf zu uns,
Die leeren Hände fallen und halten nicht,
Die leeren Hände sind
Es, die uns ewig hüten.

Psalm XXII

Hört, ihr Menschen,
Er tritt hinab-
Gott des Nichts,
Nihil.

Möge Euer Leiden,
Das von der Hoffnung kam,
In seinem großen Nichts
Zu Nebel sich ver-dichten.

Schatten stehen
Wie Säulen dort,
Stumm das All
Haltend.

Hebt dir Hände hoch,
Bereitet das Gebet,
Zu danken Eurem Herrn,
Der Eure Blindheit heilte.

Herr und Retter
Der Menschenheit,
Dir sei Dank,
Nihil.

Psalm vergessener Klage

Oh Nihil,
Was ist der Sinn von alledem,
Du lügtest uns an,
Sangst die süßen Lieder
Und
Wir folgten dir in des
Wahnsinns Schlucht.
Wie viele kreischende Gesichter sind
Dort, wie viele
Haben all die Hoffnung verloren in
Deinem Reich?
Welche Freiheit hast du uns geschenkt,
Die wir davor nicht schon besaßen?
Die Freiheit zu verzweifeln, die
Schöpfung zu spotten, die
Götter
Nicht zu achten, wie du?
Es ist nun zu spät bereits,
Dein Reich herrsche,
Dein Wille geschehe,
Nihil,
Vollzieher des ewigen Rechts.
Soll dein Name ewig geehrt und 
Ewig
Verflucht werden!
Oh Nihil,
Du großer Gott der neuen Welt!
 

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