Erinnerung. Eine prosaische Dichtung
Es regnet nicht an diesem Tag, auch der Himmel ist nicht bedeckt von den zahlreichen Wolken und keine kalte Brise umarmt mich seicht. Es scheint die Sonne, es ist warm, es ist das perfekte Wetter für einen Ausflug zum See. Dennoch ist mir kalt. Es friert mich, es pfeift um mich einer dieser kalten Winde. Die Freude, das Lachen, das Spielen am See kommt als ferne Erinnerung einer glücklicheren Zeit zu mir. Die Kälte, sie umgibt mich, sie zieht mich in mich hinein, sie nimmt mir die Wärme – und eigentlich sollte ich weinen, traurig sein, das Leben beklagen und beten, wie es die Dichter immer pflegen und mich selbst am meisten beweinen. Es wäre perfektes Wetter, um am See zu liegen, ich könnte die Sonne auf meiner Haut spüren und wahrnehmen, wie sie mich langsam wärmte und überhaupt etwas spüren, dann schaute ich auf, sähe die unschuldigen Kinder in ihrem Spiel, wie sie sich freuten, wie sie lachten und wie sie noch nicht ahnen könnten, was das Leben für sie bereithielt. Die Bäume starren um mich herum in den Himmel, fast schon bin ich wie sie, wie ich wie versteinert dastehe und schaue und hoch hinausrage wie ein Baum, um den sich schützend die Eltern zurückgezogen hätten, dem Sonnenbrand entflohen wären. Sie würden zwischen den zahlreichen Wörtern immer mal wieder zu den Kindern schauen, sie wüssten um des Lebens Fülle und tief in ihnen liegt die Angst begraben, die Angst zu verlieren und immer wieder dann kehren sie zu den vielen, unbedeutenden Wörtern zurück und vergessen die tiefe Besorgnis wieder und wieder. Vielleicht wäre dort auch eine Frau, eine schöne, eine wunderschöne Frau. Ich würde sie offen heimlich bewundern und vielleicht würde ich dann auch zu ihr gehen und … vielleicht würde ich sie dann auch verlieren. Wie aus Stein sehe ich sie vor mir, wie ein Grabstein, kalt und leblos, tot. Vielleicht läge ich auch dort, zufrieden, sähe die Schätze der Natur und liebte das Leben. Vielleicht würde ich sie ja kennen, vielleicht ginge ich deswegen zu ihr, legte alles auf eine Karte, sammelte meinen Mut und spräche sie an und vielleicht hätte sie ebenfalls das Gefühl, dass das Leben zu kurz sei, allein zu sterben. Dabei ahnen wir doch, dass jeder alleine sterben muss, dass es egal ist, wie viele wir kennen und ob wir geliebt haben oder nicht, der Tod holt dich alleine und nur dich und dann bist du alleine, ja, und dann wäre einer immer noch, oder erst recht, alleine und vielleicht, vielleicht ginge ich ja an den Strand mit ihr. Wir säßen zusammen, erzählten uns zahlreiche, leere Worte, würden uns in den prächtigen Schutz der großen Bäume fliehen und immer wieder zu den Kindern schauen und zu träumen beginnen. Vielleicht hätten wir ja denselben Traum einer glücklichen Zukunft und dabei ahnten wir, dass es egal ist, wie unsere Zukunft aussieht, denn am Schluss fällt alles in die Hände der ewigen Leere und alles von Bedeutung ist eigentlich doch sinnlos. Aber wir flüchteten und wähnten uns sicher zusammen und liebten uns. Die vollen bunten Farben an diesem sonnigen Tag, sie scheinen und strahlen besonders grau mir heute. Wie ich da so steif stehe und das Grab anschaue, ich habe die Zeit vergessen, ich weiß nicht, wie lange ich hier schon stehe und einfach so denke, es fühlt sich an wie eine Ewigkeit, wie ein nie endender Traum, aber keiner dieser schönen, einer von dem man unbedingt aufwachen will, es aber nicht kann und genau dieses fehlende können ist es dann, dass einen in den Wahnsinn treibt und so stehe ich da und schaue einfach nur, starre auf das Grab und klage und weine und bete wie die Dichter, nur tief in mich hinein, so dass keiner, keiner außer Gott vielleicht, mich hören kann und weil ich alles Glück verloren habe, weiß ich, dass es so etwas wie Glück geben muss, denn irgendwo möchte ich hin, irgendwohin will ich fliehen. Vor mir liegt, lag oder wird, ich weiß es nicht, ich habe es vergessen, eine Rose liegen. Jemand, ich vielleicht, hat sie hingelegt und hofft in kindlicherer Art, dass irgendwer, dass sie, es sehen würde und dass es, was eigentlich, dass es etwas zu trösten vermag. Ich verliere mich weiter, tiefer, in den Schlund schwarzer Gedanken, gäbe es einen Fluss der in den Tod führte, er müsste so beschaffen sein wie meine Gedanken. Ich säße am Fluss, hielt ihre Hand, wir schauten der Sonne zu, sie ginge unter und färbte den Himmel in so wunderbare Farben und wir beide verlören uns gegenseitig ineinander und liebten uns, vereinigten uns, hofften, die Ewigkeit erreicht zu haben, sodass dieser Moment niemals auch nur wagen würde, zu Ende zu gehen. Dann ginge die Sonne unter, das Dunkle frisst sie, die Schatten lachen und höhnen, erwachen und sie, sie flöge davon, sie löste sich, würde Erinnerung und die Sonne ginge nie wieder auf, keine Farbe würde mehr strahlen, keine Farbe mehr leuchten und ich stünde an ihrem Grab und sollte weinen, klagen, beten, wie es die Dichter täten und könnte nicht, würde nicht und stünde einfach nur dort. Vielleicht hätte ich, hätte jemand eine Rose besorgt, vielleicht nicht, ich weiß nicht, es fühlt sich an wie eine Ewigkeit, es wäre eine Ewigkeit, und ich, ich wäre, ich bin, ja, ich bin ... alleine.
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